Asta Gröting und Stella Rollig sprechen miteinander anlässlich von Grötings Aufführung „Die Innere Stimme Dead Air” im Podewil (19.-21.Juni 2003). Während Rollig sich bemüht, in ihrer Rolle als Interviewerin Contenance zu wahren, mischt sich Grötings innere Stimme unverschämt, doch nicht für beide hörbar, ins Gespräch. Ihre Interventionen sind kursiv wieder gegeben.
Stella Rollig: Seit zehn Jahren arbeitest du mit Bauchrednerinnen und Bauchrednern an einem Werkkomplex namens „The Inner Voice”. Du hast einmal gesagt, die Welt der Bauchredner, also des Varieté oder Vaudeville, mache dir "einfach gute Laune". Da höre ich mit: bessere Laune als die Welt der Kunst. Was an dieser anderen Welt zieht dich denn an?
Asta Gröting: Die Menschen, die ich dort treffe, interessieren mich und sie sich für mich. Das ist mir eigentlich am wichtigsten. Mit wem habe ich zu tun und mit wem möchte ich gerne arbeiten und Zeit verbringen. Es war ein befreiender Moment für mich, als ich anfing mit Bauchrednern zu arbeiten. Das ist eine produktive Zusammenarbeit geworden, vielleicht weil sie für mich vom Kunstzusammenhang nicht so belegt ist.
Zumal ich mich etwas eingeklemmt gefühlt habe mit meiner Arbeit als Bildhauerin... Während meines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie Anfang der 80er bis zum Anfang der 90er wurde im Rheinland in erster Linie formal gearbeitet und mit viel Material umgegangen, was zu einer eigenen Sprache geführt hat, aber danach haben sich viele Künstler gefragt, ob das denn genügen kann, und sich gewünscht, in größerem Zusammenhang zu arbeiten. Mein Interesse hat sich zu der Zeit auf das Psychologische und Soziale verlagert. Indem ich Texte für Bauchredner schrieb, habe ich auf diesem Weg meine Themen unterbringen können. Und ich habe so eine Menge darüber gelernt, Aufführungen zu machen.
(Im Grunde stimmt die Antwort mit mir überein, aber ich habe auch Angst davor, schon hier beurteilt oder abgeurteilt werden zu können oder als doof dazustehen.)
S: Über den Unterschied zwischen Varieté und Kunst will ich noch mehr von dir wissen. Was ist es denn, was dir an den Bauchrednern und in ihrem Milieu besser gefällt und dich mehr interessiert als an den Kunstmachern? Von welchen Ansprüchen hast du dich unter ihnen befreit gefühlt?
Und dabei entgehst du dem Kunstzusammenhang gar nicht, denn schließlich kehrst du mit den Werken ja dahin zurück. Aber dazu später.
A: Es geht mir gar nicht darum eine Grenze zu ziehen und Kategorien zu
bilden. Das funktioniert ja nicht. Ich wollte auch nicht im pädagogischen Sinn
die Kunstwelt kritisieren. Ich suchte nach neuen Ideen und nach einer
produktiven Zusammenarbeit mit anderen Menschen.
(Das stimmt, und außerdem stell ich mich doch jetzt nicht hin und kritisiere die Kunstwelt.)
S: Gut pariert. Du hast meinen Versuch elegant abgeschmettert, dir eine
Kritik an der Kunstwelt zu entlocken. Dann nehme ich das Stichwort
Zusammenarbeit auf: Bis zur Arbeit an "The Inner Voice Dead Air" hast du
die Bauchredner gebeten, mit einer von dir gebauten Puppe von dir
geschriebene Texte zu performen. Daraus sind Videos entstanden. Nun hast du
erstmals in der "Inner Voice"-Serie eine Live-Aufführung inszeniert und mit
einem Textautor, nämlich mit Tim Etchells kooperiert. Erzähl mal, wie du ihm
erklärt hast, worauf es bei den Gesprächen zwischen Puppe und
Bauchredner ankommt.
A: Kunst ist ein riesen Theater, das viel mit der Erfindung eines "Ich"
zu tun hat, und es war für mich naheliegend, Aufführungen über die Frage nach dem ”Ich” zu machen, weil ich Künstlerin sein will oder sein wollte. (Lacht.)
Ich habe Tim von meinen Erfahrungen mit den Bauchrednern erzählt, mit denen ich zusammen gearbeitet habe. Zum Beispiel, dass sich Bauchredner im Gespräch mit einer Puppe hauptsächlich darauf konzentrieren müssen, die Puppe zu beleben. Wenn nicht die Illusion entsteht, die Puppe würde leben, ist die Show nicht gut. Dann muss der Bauchredner noch daran denken, selbst unbeteiligt zu wirken und den Mund geschlossen zu lassen, wenn die Puppe agiert und spricht. Außerdem muss er oder sie die Lippenschlusslaute wie "M", "B", "P" ohne dass es auffällt durch andere Buchstaben ersetzen.
(Eigentlich lese ich meine Antworten immer mit den Augen von jemandem, der mich als Künstlerin schlecht findet, und dann denke ich, wie viele andere Möglichkeiten es gäbe zu antworten. Da mach ichs wie ein Bauchredner, den die Puppe ständig zensiert.)
S: Der Dialog „Dead Air” handelt vom Runtergemachtwerden, Versagen, Jämmerlich-Sein. Davon, wie Menschen einander unter Druck setzen. Er ist aber nicht so eindimensional, wie das jetzt klingt, sondern es gibt auch sehr poetische Momente. Etwa, wenn es um das persönliche Alphabet der Protagonisten geht ein Erfassen der eigenen Welt in 26 Begriffen. Ich möchte dich bitten, den Text aus deiner Sicht zu beschreiben, und was du an ihm magst.
A: Die Geschichte von Dead Air ist, dass die Puppe damit spielt zu sterben, dann
aber der Bauchredner tatsächlich todkrank ist und stirbt. Daraus entsteht
ein Spiel von abwechselnder Mitleidlosigkeit und Mitgefühl. Das Gespräch
wechselt ständig hin und her zwischen einem intimen, echten Gespräch der
beiden mit wirklichem Interesse am anderen und mit gegenseitigem Akzeptieren und
bösartigen Beschimpfungen, die das Gegenüber in den Boden hämmern mit
Beleidigungen und dem Versuch, den anderen zu vernichten.
Dieses Thema, das "Miteinander" interessiert mich sehr, eigentlich am meisten. Wie funktioniert das "Miteinander der Menschen"? (Versetzt der Interviewerin einen Nasenstüber.)
Der Text handelt aber auch von der Angst der Künstlerin oder des Künstlers, in der Öffentlichkeit zu versagen und das Publikum nicht zu erreichen, und von der Taktik und der Geschicklichkeit, die Zuschauer doch zu erreichen. Das ist der erweiterte Versuch, von den Mitmenschen akzeptiert zu werden.
Das Schöne an dem Text ist aber auch, dass er ein klassischer Bauchrednertext ist: kurz, nicht intellektuell, derb, verletzend und ein Spiel mit dem Tabu. Ich mag den unprätentiösen Stil. Diese Sprache macht eine gute Stimmung finde ich. Tim nennt das workman like und human-scale.
Das Aussprechen von Tabus gab es lange, bevor Bauchredner Puppen hatten, die Tabus brechen durften, und bevor Bauchrednerei zur Unterhaltung diente. Da die Puppen keine Verantwortung übernehmen konnten, durften sie sagen, was Menschen nicht sagen durften. Vor den Mächtigen durften sie Kritik an der Politik aussprechen, was Menschen nicht erlaubt war, sondern zensiert worden wäre. Bevor es Puppen gab, haben die Bauchredner mit „throwing voices” gearbeitet. Dabei haben sie Gegenständen und anderen Menschen Stimmen verliehen. Napoleon hat sich von dem damals sehr berühmten Le Sieur Thiemet unterhalten lassen, der eine ganze Fuchsjagd imitieren konnte. Lange davor war das Bauchreden eine Strategie, mit der man heimlich Leute manipulieren konnte. In Delphi wurde der Orakelspruch von einer Bauchrednerin gesprochen: ”Hilf den Freunden! Beherrsche den Zorn! Hüte dich vor ungerechten Taten!...”
Vor noch längerer Zeit, vor ein paar tausend Jahren, waren die Bauchredner heidnische Priester, die mit Baum-, und Wassergeistern gesprochen haben.
(Ich bin doch keine Kulturhistorikerin, aber irgendwas muss ich ja schreiben, weil ich doch so eine Gelegenheit eines Interviews nicht einfach absagen kann, aber eigentlich brauch ich für mich gar kein Interview.)
S: Wie reagieren die Bauchredner, wenn sie einen Text sprechen müssen, der
nicht von ihnen ist? Ich nehme an, dass du auch schon welche getroffen hast, die das nicht wollten oder die kein Verständnis für die Zusammenarbeit mit einer Künstlerin hatten. Für "Inner Voice - Dead Air" hast du zum wiederholten Mal mit Wendy Morgan und Buddy Big Mountain gearbeitet. Was schätzt du an den beiden?
A: Vor einigen Jahren fuhr ich nach Las Vegas, zur „Ventriloquist Convention”, um einen indianischen Bauchredner als DIE amerikanische „innere Stimme” zu suchen, und traf dort Buddy Big Mountain. Mich hat seine Art, wie er über sein Leben erzählt, beeindruckt, sie ist sehr subtil. Er ist in einem Themenpark mit seinen Eltern und Geschwistern aufgewachsen, mit denen er schon als Zweijähriger gemeinsam auf der Bühne stand und indianische Tänze aufgeführt hat. Mit ihm arbeite ich am engsten von allen Bauchrednern zusammen.
Bisher sind fast alle Bauchredner, die ich gefragt habe, ob sie mit mir zusammen arbeiten wollen, interessiert gewesen und waren hinterher froh, mal nicht auf einem Kreuzschiff oder auf einem Betriebsfest aufzutreten. Nur einige Deutsche hatten Vorbehalte, hatten Angst, dass da was schief gehen könnte, oder dass vorher nicht absehbar ist, was passiert.
S: Wie erlebst du die Resonanz unter Kolleginnen und Kollegen aus der Kunstwelt? Da habe ich schon gehört, dass einer sagte: Ich weiss gar nicht, wie ich die Aufführung beurteilen soll, weil ich verstehe ja nichts vom Theater.
A: Als ich meinen ersten deutschen Bauchrednerfilm 1992 zeigte, gab es zum Teil Unverständnis von Leuten, die bis dahin meine Arbeit gut fanden. Zu den Aufführungen gibt es eher gute Resonanz. (Ich bin aber auch echt froh, was Neues gefunden zu haben.)
S: Und was machst du als nächstes?
A: Ich arbeite gerade an einer Serie von Interviews mit Bauchrednerinnen und Bauchrednern über ihre Arbeit und ihr Leben. Mit Buddy habe ich bereits ein Interview gemacht. Und ich bereite zwei Aufführungen vor. Eine wird in Frankfurt im Mousonturm sein im Dezember dieses Jahres , zu der Tim Etchells einen älteren Text von mir umschreiben wird. Die andere Sache ist eine etwas vagere für die Sydney Biennale 2004. Und ich versuche, ein Bauchrednerfestival in die Wege zu leiten, bei dem Bauchredner aus historischen Zeitungen aus der Nachkriegszeit und aus aktuellen Ausgaben vorlesen und sich zusammen mit Neurologen und Psychologen und Hirnforschern Gedanken über die inneren Stimmen machen.
August 2003
Stella Rollig ist Kuratorin und Kunstpublizistin. Seit 2004 leitet sie das Lentos Kunstmuseum in Linz