„Was dumm herumsteht, muß wieder weg”

Interview mit Asta Gröting/ Von Marius Babias, 1999

Freust du Dich auf unsere Gespräch ?

Ja. Da ich gerne spreche, könnte das Interview, das ja dialogisch aufgebaut ist, die erweiterte Form der „Inneren Stimme” sein. Ich bin gespannt.

Am Telefon sagtest du, es wäre problematisch, sich festzulegen. Mißtraust du der Sprache?

Manchmal habe ich Angst, mich festzulegen und für alles, was ich tue, Erklärungen abgeben zu müssen. Wenn ich etwas Falsches sage, was ich immer wieder lesen muß, ist das schmerzhaft.

Als ich zum ersten Mal deine Bauchredner-Filme sah, spürte ich stark eine psychologische Vorgabe. Du konstruierst in der Filmserie „Die innere Stimme” den Perspektivwechsel einer Beobachtersituation zwischen Bauchredner, Puppe uns Zuschauer.

Beim ersten Bauchredner-Film ist es sogar noch komplizierter, da die Puppe auch eine innere Stimme hat, so daß sich zwischen Bauchredner und Puppe ein Dreieck bildet. Die Puppe ist die technische innere Stimme des Bauchredners, die sich mit der psychischen inneren Stimme der Puppe unterhält, die der Bauchredner nicht hört und nicht versteht. In den nachfolgenden Filmen habe ich das vereinfacht und nur noch einen Dialog zwischen Bauchredner und Puppe geschrieben, die sich über ein Thema unterhalten. Ich wollte die Wahrnehmung eines Themas ausloten, das Für und Wider. Jeder hat eine innere Stimme, die zu einem spricht. Sie ist aufmunternd, ermahnend, streng, korrektiv.

Du hast eigens eine Puppe gebaut. Sie führt mit unterschiedlichen Bauchrednern – bislang in elf unterschiedlichen Sprachen – Gespräche über Freundschaft, Selbsterkenntnis oder Identität. Liegt darin die Hauptinteresse, abstrakte und komplexe Erkenntnisfelder des Psychologischen in Alltagssprache zu kommunizieren?

Mich interessiert die Psyche, die Seele, der Mensch, Liebe, Tod, Leben, Altern. Je nach Sprache und Kulturkreis ändert sich das Thema. Jeder Bauchredner hat seine von Kultur zu Kultur sich verändernden Eigenheiten. Das Gesamtprojekt ist eine Untersuchung über die verschiedenen Sprachen, Kulturen und Persönlichkeiten, über die Unterschiedlichkeiten, in denen Gezaubert und die Illusion hergestellt wird, daß die Puppe lebt.

Der Bauchredner gehört eigentlich dem Comedy-Genre an. Er spricht mit zwei Stimmen, der eigenen und einer fremden, die das Un-Gesagte, das Nicht-Gesagte oder das Verdrängte dialogisch artikuliert. Wem gehört diese fremde Stimme?

Wem gehören die verschiedenen Stimme,. die in einem selber reden? Es sind alle Stimmen, die überhaupt zu einem reden, im erweiterten Sinne die gesellschaftliche Autorität, z.B. die Eltern, der Fernseher, früher die Kirche, heute die Werbung.

Wenn diese innere Stimme die Gesellschaft wäre, müßte sie dann nicht aus einem Wort-Rauschen bestehen? Wer kann der Komplexität eine Stimme Geben?

Niemand, das hat ja auch niemand verlangt. So allumfassend habe ich das nicht gemeint.
Unsere Gedanken haben mit dem Zusammenhang zu tun, in dem wir aufgewachsen sind. Sie sind vielleicht dieses Rauschen, das wir oftmals gar nicht mehr hören wollen. Nachvollziehbar ist aber, woher es kommt. Darauf zielen die Dialoge. Viele Jahre habe ich meine Organ-Skulpturen als psychologisches Äquivalent dieses Themas gesehen. Irgendwann las ich , daß man im Mittelalter bei Leichenöffnungen nach der Seele suchte, weil man dachte, die Seele habe ein Organ. Dafür fiel mir der Bauchredner als Äquivalent ein. Eine Skulptur schien mir zu kitschig dafür. Außerdem wollte ich nicht mehr allein im Atelier arbeiten. Ich hatte das Bedürfnis, mit Menschen zusammenzuarbeiten.

In einem Text ist dir unterstellt worden, du selbst seist die Puppe. Überinterpretation?

Ja. Viele Leute hatten das Gefühl, daß die Puppe so aussieht wie ich. Bei allem, was man tut, spielt die Biographie mit hinein, aber ich bin sicherlich nicht die Puppe. Ich bin ja auch nicht die Bauchrednerin. Solange ich mich mittlerweile mit der Bauchrednerei befasse, hätte ich genug Zeit gehabt, es vielleicht zu lernen. Aber ich will weder Puppe noch Bauchrednerin sein. Ich will das Spiel der beiden anzetteln nach meinen Ideen.

Du wirst gerne festgelegt als Bildproduzentin von Naturprozessen. Sind deine Arbeiten wirklich Präparate einer mechanischen Naturvorstellung, ähnlich der „Olimpia”-Automatin von E.T.A. Hoffmann?

Jeder interpretiert sein eigenes Interesse in die Arbeiten hinein. Noch bevor ich mich für die Psyche interessierte, interessierte mich, wie der Körper von innen aussieht. Ich habe mir die Organe herausgesucht, die skulptural waren, z.B. den Verdauungsapparat. Es wäre ein gräßliches Menschenbild, den Menschen als mechanische Abfolge von Naturprozessen zu sehen. Ich möchte den Menschen in den Mittelpunkt stellen und ihn verstehen. Ich verweise auf das Körperliche, ohne es aber höher oder niedriger zu stellen.

Der Bauchredner baut auf einer dialogischen Monologform auf. Er setzt Rede und Gegenrede in eins. Dieser dramaturgische Kunstgriff dominiert die Theatergeschichte. Warum erscheint dir diese manichäistische Formel noch geeignet, psychologische Aussagen zu treffen?

„Die innere Stimme” ist für mich ein Spiel, meine Themen unterzubringen. Und weil ich Fragen stellen und keine Behauptungen aufstellen möchte, und nicht urteilen will. Ich stelle Themen hin, so wie ich Skulpturen mache, die den Kopf schütteln oder nicken und sich nicht entscheiden können. Diese Offenheit für das Für und Wider versuche ich in Gestalt der Puppe und der Bauchredner und Bauchrednerinnen auszudrücken. Je nach Herkunft, Kultur, Sprache, Geschlecht und individueller Eigenheit bedient jeder von ihnen die Puppe anders. Dabei interessiert mich Theatertradition überhaupt nicht.

Dein Interesse für die Welt der Gaukler, Schausteller und Artisten kam auch in deiner Inszenierung „EIS” (1995) in der Eissporthalle in Frankfurt zum Ausdruck, wo neben Eiskunstläufern auch ein honigschleckender Bär auftrat. Beharrt diese Assoziation einer Gegenwelt nicht ebenfalls auf einen Wort / Bild-Dualismus?

Mich interessiert die Verführung durch das Triviale, die Kirmes-Ästhetik, die Geschmacksverletztung. Bauchreden ist schlechter Geschmack. Doch wenn ich mir vorstelle, ich müßte mich als Künstlerin ausschließlich mit Skulpturen beschäftigen, macht mir die Welt der Bauchrednerei einfach bessere Laune, weil sie vitaler, kommunikativer und vom Kunstzusammenhang nicht so belegt ist. So konstruiere ich viel leichter offene Bilder und Themen, die mich interessieren.

In einem der Kurzfilme der Serie „Die Innere Stimme” verstellt der Akteur seine Stimme im Dialog mit einem roten Handschuh. Anders als in den Bauchredner-Filmen sind diese Szenen, die meist um das Thema Arbeit/ Arbeitslosigkeit kreisen, an konkreten Gesellschaftsthemen dran. Wie kann dieser Schritt?

Dieses Thema scheint deshalb herauszufallen, weil die Machart des Films eine andere ist. Zunächst ist es ein Puppenspiel: der Bauchredner ist kein echter Bauchredner, und die Puppen sind ein dicker Säurehandschuh aus Plastik und ein alter Ski-Handschuh. Dann ist es aber doch wieder eine innere Stimme, da es eine Improvisation des Darstellers übers Arbeiten und Nicht-Arbeiten-Wollen oder Nicht-Arbeiten-Dürfen ist und dadurch nicht an einer Gruppe Teilnehmen-Können und all dem, was Arbeiten mit sich bringt. Arbeiten ist ein sehr großes Thema im Leben aller Menschen.

Am Schluß nennt der rote Handschuh die Weltformel: ”Licht, Luft, Lust und Liebe”. Sind deine Filme moralische Stücke?

Dafür ist der Film doch viel zu unscharf gefilmt.

Bekannt geworden bist du als Bildhauerin. Ich sehe in den scheinbar skulptural nicht kompatiblen Bauchredner-Filmen oder in der Inszenierung von Eiskunstläufern dennoch einen skulpturalen Zugriff, nämlich den Versuch, über die Inszenierung einen immateriellen Stoff zu bearbeiten, die Kommunikation, verstanden als psycho-soziale Handlung.

Ich erkannte, daß es zu viel Skulpturen auf der Welt gibt, und ich wollte mich nicht mehr mit Material belasten. Ich wollte mit wenig Material etwas sagen. Ich wollte mich auch dem Verwertungskreislauf des Marktes entziehen und an Themen forschen. Wenn Kunst ausschließlich wirkungsästhetisch zusammengesetzt ist, wird es Design. Trotzdem sehe ich nach wie vor die Berechtigung, mit Material Gedanken auszudrücken. Mit Material meine ich einfach alles. Da überwinde ich auch den Dualismus von Wort und Bild. Ein Bär auf dem Eis ist für mich Material wie ein Bronzeguß. Natürlich kann man nicht mit jedem Material machen was man will. Da bin ich dann schon moralisch.

Kann Kunst Formen von Realität annehmen, die nicht an ein Material gebunden sind?

Das ist schwierig. Sehr reduziert ist gut, aber an ein Material ist Kunst immer gebunden. Es wäre die höchste Form, mit ganz wenig oder mit dem genau richtigen Maß an Material auszukommen. Wo Material im Vordergrund steht, wird die Arbeit dumm oder überflüssig, auf jeden Fall erstarrt.

Sind deine Film-Arbeiten der Versuch, der Gebundenheit an ein Material zu entkommen, was ein zentrales Problem der Bildhauerei ist?

Ja, das war der Grund, mit Video anzufangen. Mittlerweile weiß ich allerdings, daß dabei auch unendlich viel Krempel im Spiel ist, die ganze Technik ist unheimlich lästig. Da ist ein Klumpen Ton manchmal schon wieder weniger Material. Alles was hinterher nur dumm herumsteht, muß natürlich wieder weg.

Was steht in deinem Horoskop?

Ich bin Wassermann. in meinem Horoskop steht, ich sei ein Gerechtigkeits-Pitbull und vergeßlich.

Marius Babias, Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins (n.b.k.)